RICARDA WYRWOL

 

lebt und arbeitet in Hamburg-St.Georg

 

1962 in Braunschweig geboren

1982-83 zwei Semester Theologiestudium in Würzburg

1983-84 sieben Monate Bildhauerpraktikum bei Franz Pechwitz in Würzburg

1984-87 Studium der Bildhauerei bei K. H. Türk an der Freien Kunstakademie Nürtingen

1987 eigenes Atelier in Hamburg, seitdem freies Arbeiten

1991 sechs Monate Arbeitsaufenthalt in Pietrasanta / Italien

Teilnahme an Wettbewerben, Bildhauersymposien und Ausstellungen im In- und Ausland

 


Dr. Maike Bruhns: Rede zur Ausstellung von Doris Waschk-Balz und Ricarda Wyrwol am 18.8.2019

 

Die Bildhauerinnen Doris Waschk-Balz und Ricarda Wyrwol, die die Ausstellung miteinander gestaltet haben, die wir heute eröffnen, unterscheidet manches: die Ausbildung, Arbeitsweise, Materialwahl, nicht zuletzt das Alter. Dennoch gibt es in ihren Arbeiten auch Gemeinsames, z.B. in der Thematik, die überraschende Ähnlichkeiten in der Zielsetzung und Kunstreflexion offenbart.  

(...)

Ricarda Wyrwol wurde in Braunschweig geboren. Sie studierte zunächst zwei Semester Theologie in Würzburg, machte dann 1983 neun Monate ein Bildhauerpraktikum bei Franz Pechwitz in Würzburg und studierte bis 1987 bei Karl Heinz Türk an der Kunstakademie Nürtingen. Seit 1987 lebt und arbeitet sie in Hamburg. Sie beteiligte sich an Wettbewerben, Bildhauersymposien, Ausstellungen im In – und Ausland, wurde mehrfach beauftragt mit angewandter Kunst in Kirchen.

 

Skulpturen

Ihr großes Thema ist der Mensch. Die Figur, die sie für ihre Aussagen über ihn entwickelte, tritt in Erscheinung, seit sie 1991 einen halbjährigen Arbeitsaufenthalt in Pietrasanta in Italien bei den Carrara-Brüchen absolvierte.

Der Mensch wird als Mensch an sich, archaisch und in sich geschlossen dargestellt, als blockhaft ausladender Körper auf schmalerer Basis, nach oben breiter werdend, gerundet, eine gespannte Gestalt, die in der Vorderansicht oft einem Schiffsbug ähnelt. Über dem Körper erhebt sich eine längliche Kleinform, eine Variation der Körperform, wie ein geduckter Kopf. Er trägt keine individuellen Züge, sondern scheint alterslos, geschlechtslos.

Seit bald 30 Jahren entwickelte sie daraus erstaunliche Möglichkeiten der Darstellung, des Ausdrucks, der Konstellation. Die Figur tritt einzeln auf, in Gruppen. Größere Gruppen verschmelzen zu Blöcken, wie in der Skulptur Verweigerung, bilden Gemeinschaften, Familien u.a. In der starren Skulptur sind Emotionen, Beziehungen, Verbindungen, Entscheidungen, Differenzierungen durch Form und Haltung deutlich gemacht, man muss genau hinsehen. Architektur, Mauern mit Fenster, Wände, ein Haus, ein Gelass, ein Tor, eine Tür kommen gelegentlich hinzu in ihrer einfachsten Form, als eine Art Zitat, so, wie der Stein die Bearbeitung zulässt. Sie erweitern das Thema Mensch in den Raum, das Umfeld. Werke wie Balance heben die blockhaft schwere Gestalt dann vom Boden in die Luft.

 

Ricarda Wyrwols Arbeiten, insbesondere die Kompositionen, tragen Titel. Manche flogen ihr während der Arbeit zu, wie sie sagt. Sie sind einfach, aber grundlegend und überzeugend, fordern zum Assoziieren auf und heraus. Lässt sich der Betrachter darauf ein, findet er Zugang zu den Skulpturen und Interpretationshilfe.

 

Vor dem Eingang steht seitlich die Gruppe Drei Arten zu Liegen. Sie macht noch vor Betreten der Ausstellung deutlich, welche Möglichkeiten Gestik in der Plastik besitzt. Die Figuren liegen auf dem Bauch, dem Rücken, auf der Seite.  

 

Die Reliefs sind die jüngsten Arbeiten. Beschäftigung mit der Zen-Philosophie, Überlegungen und Meditationen zu Form und Leere führten zu den sieben Gipsplatten. Sie zeigen jeweils eine positive, reliefierte, oder eine negative Figur, wie sie der positive Gipsabguss hinterlässt. Alle sind namenlos, auf strahlend weißer Platte minimalistisch ausgeformt, im Streiflicht plastisch hervortretend oder dunkel eingesunken. Allein die mittlere Platte mit einer positiven und negativen Figur trägt den Titel Für Gertrude und Alice. Die Geschichte geht so: Gertrude Stein kam 1903 nach Paris und eröffnete dort mit ihrem Bruder Leo in ihrer Wohnung einen Salon, in dem sie moderne Kunst sammelte und präsentierte, bekannte Schriftsteller und Intellektuelle empfing. Alice B. Toklas, die ebenfalls jüdischer Abstammung und Amerikanerin war, reiste 1907 nach Paris, sie wurde Gertrude Steins Sekretärin, später Geliebte, Köchin, Muse, Herausgeberin und Kritikerin. Bis zu Steins Tod 1946 lebten sie zusammen. Der Titel für die gleichförmige Positiv- wie Negativ-Figur macht Sinn.

 

Versunken heißt ein kleines Ensemble auf hohem Holzsockel. Hier steht eine Figur vor einer Wand mit einem tempelartigen Fenster, das durch drei Säulen gegliedert ist. Sie verharrt offensichtlich gedankenversunken. Was geht ihr durch den eingezogenen Kopf? Mensch, Architektur, Zeit, Reflexion verbinden sich in dieser Arbeit.

 

Fünf Geschlechtertürme standen 2017 in der Hamburger Nikolaikirche, eine imposante Gruppe, die auf verschiedenartigen hohen Stelen, Türmen, Figurengruppen auf gleicher Höhe vereint. Auf jedem Turm befindet sich eine andere Konstellation: Ein Paar mit einer liegenden Figur, eine Familie aus sieben Wesen, ein blockartiger, sitzender Alter allein, usw.

 

Bergpanorama oder Panorama zeigt fünf Figuren, eng gedrängt auf einem Gipfel, der dem einzelnen so wenig Raum lässt, dass die Körper über den schmalen Berggrat hinausragen und in Gefahr geraten, herabzustürzen. Der Berg ist als rechteckiger Klotz dargestellt. Assoziationen an Karriere, an die Wagnisse und Gefahren der Existenz in luftleerer Höhe, sei es als Politiker, Genie oder Ausnahmemensch liegen nah. 

 

Balance (2001) ist eine sehr elegante, glänzend polierte Bronzeplastik, oben geschliffen, seitlich lebhaft patiniert. Erst auf den zweiten Blick erkennt der Betrachter, dass es sich wieder um eine auf dem Bauch liegende Menschengestalt handelt, deren schweres Volumen auf einem einfachen Bronzesockel ins Gleichgewicht gebracht wurde. Konzentration auf Wesentliches führt zu Ausbalancieren, hier in plastischen Ausdruck übersetzt. Ein Vorgänger dieses Themas entstand 1999 in Sandstein.

 

Draußen im Hof stehen im Karree einige Figurengruppen. Sie unterscheiden sich im Entstehungsjahr und Material, vom rauhen inländischen bis zum schwarzen, glänzenden spanischen Kalkstein.

Stufen (2005) ist ein eher erzählerisches Kalksteinensemble. Hier drängt eine Figur in ein Haus, in dem in einem Fenster zwei Relieffiguren sichtbar werden, die zueinander gewendet sind in einer unbekannten Interaktion. Auf einer höheren Ebene hat eine Figur das Haus verlassen. Ricarda kommentiert die Szene wie folgt: Dargestellt ist das Leben, das sich durch Situationen, die wir nicht kennen, verändert (was geschieht im Haus?), dann hinter sich gelassen und auf einer anderen Stufe fortgesetzt wird.

 

Terra incognita (2003/04) ist eine Arbeit in Kalkstein zu dem Thema Vita activa und vita contemplativa. Hier verharrt eine Figur still auf dem Bauch in einem abgeschlossenen Raum; außen vor starrt eine Figur in die Ferne. Sie verkörpert den Aufbruch, Fernweh, Aktivität.

 

Jemand geht (1996). Aus einer Gruppe von drei Figuren löst sich eine Vierte. Jemand geht, freiwillig oder gezwungen, durch die Verhältnisse oder eine Entscheidung veranlasst. Es ist ein Kompositionsmuster, das auch andere Arbeiten prägt und das Rückschlüsse auf die Einstellung der Bildhauerin erlaubt, z.B. Quadriga III, Verweigerung und eine Figurengruppe auf einem der Geschlechtertürme.

 

Übergangsweise (2017). Das schöne Motiv auf der Einladungskarte zeigt eine Gruppe von fünf Figuren, die durch ein Tor, eine Tür gehen, drängelnd, eilig, selbstsicher, vorwärtsstrebend, eine jenseits wachend. Sie sind in Haltung und Form unterschieden, Äußerlichkeiten, die Inneres, Verhalten, Individuelles signalisieren.

 

Verweigerung. Ein großer Figurenblock in schwarzem Stein drängt nach links, während eine Figur sich abwendet und stehen geblieben ist. So drängen sich Lemminge über die Kante oder in den Krieg oder folgen irgendeiner Mode, wie gegenwärtig den sozialen Medien. Einer bewahrt Vernunft, Zivilcourage oder Einsicht, wehrt sich, bleibt besonnen.

 

Zur Arbeitsweise

Als Bildhauerin schätzt Ricarda Wyrwol vorrangig den Stein, dann Gips, seltener arbeitet sie mit Holz (Eiche), gelegentlich nutzt sie den Betonguss. Daneben finden sich Metallarbeiten, Bronzegüsse mit ihren Ausdrucks- und Erscheinungsformen, die sie nach vielen Jahren Mitarbeit bei der Bronzegießerei in Elmenhorst versiert handhabt. Über das Handwerkliche, die schwere Kunst der Steinbildhauerei, die Objekte aus festen Steinblöcken mit verschiedenen Werkzeugen herausarbeitet, hat ihre Biographin Renate Fuhrmann 2001 geschrieben: „Mit äußerster Konzentration muss das Werkzeug geführt werden, aber auch mit äußerster Sensibilität. Aktives Handeln und passives Wahrnehmen vereinigen sich in diesem Augenblick: Die Künstlerin erspürt die Beschaffenheit des Steins, seine innersten Strukturen. Täte sie es nicht, würde sich ihr das Material widersetzen, würde springen, platzen, sich ihr entziehen …“

Zu den verschiedenen Formaten ihrer Arbeiten wählt und findet Ricarda Wyrwol Sockel: verrosteten Stahl im Geviert, mächtige Holzblöcke für Kleinplastik, oft aus Altholz, gebündelte Hölzer für Minibronzen, Balkenartige Ständer – individuell zu den einzelnen Arbeiten ausgesucht und ihre Wirkung steigernd, wie ein guter Rahmen das Bild.  

 

Beide Bildhauerinnen wählten den Menschen zum zentralen Thema ihrer Arbeiten. Ricarda Wyrwol gestaltet ihre Figuren klar, kompromisslos, vollplastisch, in klassischer Ganzheit und Schwere. Doris Waschk-Balzs Figuren eignet etwas Fragiles, Fragmentarisches, auch durch die Wahl des keramischen Materials bedingt. Sie bezieht die Landschaft und Architektur in die Kompositionen, besonders die Zeichnungen zu immer wieder überraschenden Ergebnissen ein. Bei RW ist die Landschaft nicht sichtbar, aber präsent im Umraum und Umfeld mancher Skulpturen, die Architektur aufs Äußerste reduziert.  

Beide fanden in ihrem individuellen Arbeits- und Gestaltungsstil zu grundlegenden künstlerischen Aussagen. Die Unterschiede machen den Reiz aus. Viel Freude beim Erkunden!

 


STEIN MACHT KRÄFTIG

 

Stein macht kräftig, sagt Ricarda Wyrwol, und seit sie künstlerisch tätig wurde, ist es der Stein, der sie vor allen anderen Materialien inspiriert.

Stein macht kräftig, Stein ist elementar. Er fordert die Künstlerin heraus, ihre ganze Kraft einzusetzen, um die innerlich geschaute Form plastisch im Raum sichtbar zu machen. Neben dem Stein verwendet sie auch andere klassische Bildhauermaterialien wie Bronze, Gips, Holz; darüber hinaus aber auch den Betonguss. Eine andere Ausdrucksform als die dreidimensionale wäre Ricarda Wyrwol fremd gewesen.

Klarheit fordert der Stein, Entschiedenheit und Direktheit – es gibt bei der Bearbeitung nur das Entweder – Oder. Im Moment, da der Meißel zuschlägt, entsteht die endgültige Form, der nachträglich nichts mehr hinzugefügt werden kann. Mit äußerster Konzentration muss das Werkzeug geführt werden, aber auch mit äußerster Sensibilität. Aktives Handeln und passives Wahrnehmen vereinigen sich in diesem Augenblick: die Künstlerin erspürt die Beschaffenheit des Steins, seine innersten Strukturen. Täte sie es nicht, würde sich ihr das Material widersetzen, würde springen, platzen, sich ihr entziehen. Zum richtigen Zeitpunkt, im Brennpunkt der Konzentration, muß der Schlag geführt werden.

Direktheit und Konzentration ereignen sich auch auf der formalen Ebene. Ricarda Wyrwo hat eine eigene künstlerische Sprache gefunden: archaisch und scheinbar ohne individuelle Züge erscheinen ihre Figuren, als stehe der Betrachter Urformen der Existenz gegenüber.In sich geschlossen sind sie, von einem inneren Leben und einer Präsenz, die auf keinen Betrachter bezogen zu sein scheint. Dem Menschen und den Grundmustern menschlicher Beziehung gilt das Interesse der Künstlerin, und so ist die eine Grundform in allen Gestalten wiederzuerkennen.

Aus dieser Kargheit der Formgebung entfaltet sich eine zwingende Expressivität.

„Sieben Köpfe“ zeigen sieben Menschentypen – dazu bedarf es bei Ricarda Wyrwol keiner Charakterisierung von individuellen Gesichtszügen. Der Betrachter erkennt Feinsinnigkeit und Intellektualität, zupackende Dynamik, innere Gebrochenheit, Zweifel, Härte, Nachdenklichkeit.   

 

Auch bei der Skulptur „Im Tor“ wird die Verschiedenheit deser fünf Menschen nicht durch die Differenzierung ihrer Gesichtszüge ausgedrückt, sondern durch Haltung und Form. Allen ist die Absicht gemeinsam, das Tor zu durchschreiten, aber jeder entfaltet dabei seine Eigenart, drängt nach vorn, läßt sich an die Wand schieben, neigt sich vor oder setzt die breiten Schultern ein.

 

Die drei Plastiken „Quadriga I, II, III“ zeigen vier Figuren, die dreimal in unterschiedlicher Konstellation zusammentreten. Der Titel stellt eine Beziehung her zur Quadriga der Antike: ein gespann aus vier Pferden wurde zu einer Einheit zusammengefügt, um den Streit- oder Triumphwagen zu ziehen.

„Quadriga I“ mutet an wie die Zusammenkunft kraftvoller Individuen, die – sehr zufrieden – sich selbst genug sind in ihrem Austausch untereinander. Auch hier vermeint der Betrachterr nämlich, bei aller Formverwandtschaft der Gestalten, unterschiedliche Persönlichkeiten zu erkennen.

„Quadriga II“: hier stehen die vier so dicht zusammen, dass individuelle Unterschiede in der Haltung eher zurücktreten. Man könnte meinen, die Figuren zögen fröstelnd die Schultern empor,

um sich gegen eine als unangenehm empfundene Außenwelt zu verwahren, sich dagegen abzugrenzen und sich auf den Halt, die Geborgenheit zurückzuziehen, die diese enge Vierergemeinschaft bietet.

In „Quadriga III“ findet eine Gegenbewegung statt: jeder geht seiner Wege. Im Zentrum aber besteht nach wie vor ein starker Zusammenhalt, aus dem jede Figur ihre Kraft zu gewinnen scheint. Diese grundlegende Einheit, die Zusammengehörigkeit, die als Kernthema allen drei Plastiken innewohnt, könnte vermuten lassen, dass der Betrachter es nicht nur mit vier einzelnen, im Innern verwandten Personen zu tun hat, sondern dass es auch um e i n e n Menschen geht, dessen unterschiedliche Seelenaspekte sichtbar gemacht werden.

 

Bei der „Loslösung“  scheint die Gestalt, die sich löst, wie durch magnetische Kräfte noch mit der anderen verbunden zu sein. Der Bogen der Entfernung weist an seinen beiden Enden auf den zurück, der bleibt – sowohl im oberen Bereich als auch im unteren, wo die sich lösende Figur in einer Art Schleppe endet. Dies ist die Stelle, an der die beiden eben noch miteinander verwachsen waren. Eine langsame, schwierige Ablösung ist dies, die von dem, der geht, alle Kraft fordert. Die Gestalt, die bleibt, steht abgewandt im rechten Winkel. Der Loslösung des Partners antwortet sie mit eisiger Starre.

„Als ich deine Frau war“ : Die sonst eher schroffen Formen der Gestalten erscheinen hier weich, scheinen zu fließen. Dennoch handelt es sich nicht um eine Partnerschaft, die durch Innigkeit charakterisiert werden könnte. Zu schwer lastet die rechte Gestalt auf der linken in einer Art fordernder Sinnlichkeit. Die linke Gestalt ist ihr ausgeliefert, wird heruntergedrückt. Die Diagonale, die sich aus der Schnittstelle der beiden Körper ergibt, verstärkt diese Bewegung nach links, die weite Negativfläche um die rechte Figur herum lässt diese den Raum beherrschen. Die Negativfläche dagegen, die der linken Figur zugeordnet ist, scheint unten links immer kleiner zu werden. Der Rahmen lässt viele Assoziationen zu: man könnte an den Rahmen denken, in dem ein Erinnerungsfoto aufbewahrt wird. “Als ich deine Frau war“. Der Rahmen könnte aber auch einen abgeschlossenen Bereich darstellen, die Ausschließlichkeit, in der beide Personen aufeinander bezogen sind. Refugium oder Gefängnis?

Ein Zen-Meister wurde einmal gefragt, welche Meditationspraxis er anwende.  Er soll geantwortet haben: „ Wenn ich esse,  dann esse ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich.“ Der verwunderten Feststellung des Fragenden, dies sei doch bei allen Menschen der Fall, widersprach der Zen-Meister: „Nein, wenn du sitzt, dann stehst du schon. Und wenn du stehst, dann gehst du schon.“  

Mit den Plastiken „Sitzen – Stehen – Liegen“ bezieht sich Ricarda Wyrwol auf diesen Dialog und lässt im Hinblick auf Gehalt und Form die Prinzipien ihrer Kunst deutlich werden.

Es ist diese Haltung der Konzentration auf das Wesentliche, die in einem Dreivierteljahr intensiver Arbeit ein Werk wie „Balance“ hervorbringt. Die massive Figur – Barlachs Engel in Güstrow könnte ein Verwandter sein – befindet sich in einem schwebenden Gleichgewicht. Das geringste Schwanken, die kleinste Bewegung hätte den Absturz zur Folge. Hingegeben an die Kraft, die trägt, ruht die Figur in sich. Diese Ruhe ist aber keineswegs gleichzusetzen mit friedvoller Entspanntheit; dazu ist zum einen die Balance zu kühn, zum anderen scheint die Figur eine dräuende Lebendigkeit zu bergen. In äußerster Spannung wölben sich die Flächen der Gestalt. Der Betrachter assoziiert vielleicht die Puppe eines gewaltigen Insekts, das sich eines Tages entfalten wird – oder einen Sprengkörper. Gerät er aus dem Gleichgewicht, findet die „Balance“ ein jähes Ende, und explosive, unabwägbare Kräfte werden frei.

Klarheit, Kompromißlosigkeit, Reduzierung kennzeichnen das Werk der Bildhauerin. Die Intensität und innere Gegenwärtigkeit, mit der sie arbeitet, bedingen die Aussagekraft ihrer Skulpturen.

 

Als Motto wählte sich Ricarda Wyrwol einen Ausspruch des Komponisten Arvo Pärt: „Qualität hängt ab von Ehrlichkeit und Demut. Um nichts anderes sollst du dich kümmern. Das ist dann auch wirklich Mut.“                                                   

 

Renate Fuhrmann, 2001